Das Lingua Mortis Orchestra: Ein weißrussisch / deutsches Vorzeigeprojekt

hallo

Mit LMO vom Lingua Mortis Orchestra feat. Rage erlebe ich in diesem Jahr die zweite Sternstunde im Bezug auf symphonische Rockklänge. Den Protagonisten um Peavy Wagner, Victor Smolski, Andre Hilgers, Dana Harnge und Jeannette Marchewka ist eine Glanzleistung gelungen, die dem Projekt – Uralbum in nichts nachstehen wird. Damit tummeln sich neben dem Erstlingswerk „Lingua Mortis“ aus dem Jahr 1996, dem „Mystery of Time“ Album von Tobias Sammet und dem nun veröffentlichten „LMO“ gleich drei Alben an der Spitze meiner „Symphonic meets …“ Hitliste. An diesen werden sich die Experimente anderer Musiker nach meinem Ermessen vergleichen lassen müssen.
Natürlich ist dieses subjektiv! Bestimmt will ich hier nicht andere Musiker und Musikrichtungen, die sich an ähnlichen Experimenten versucht haben, nicht abwerten wollen. Auch hier finden sich Musiker und Bands, die es für mich recht ordentlich über die Bühne gebracht haben. Zu ihnen gehören Udo Lindenberg, Within Temptation, Tina Dico, Scorpions, Amy McDonald, Doro und einige mehr. Im Endeffekt geben meine Zeilen nur an, wie solche musikalische Spielereien auf mich wirken und auf was ich bei einer Kooperation mit einem Orchester großen Wert lege. Das darf bei Ihnen gern ein wenig anders aussehen!

„LMO“ wartet in meiner gekauften Version mit zwei Bonussongs, zwei Konzertmitschnitten und einer größeren Autogrammkarte mit allen Unterschriften auf. Dabei werde ich mich hier nur um das eigentliche Lingua Mortis Album kümmern und dieses bewerten. Die zwei Konzerte auf der beiliegenden DVD werde ich zu einem anderen Zeitpunkt gesondert behandeln. Durch die Abtrennung des Lingua Mortis Projekts von der Stammband Rage wurde dem Projekt ein neuer Spielraum ermöglicht. Victor Smolski, der musikalische Leiter des Projekts, hat sich diesbezüglich in einem Interview geäußert und es damit erklären wollen, dass ein Musikfreund der Band Rage nicht gleich ein Musikfreund des Lingua Mortis Projekts ist und umgekehrt. Dieses ist nicht einmal von der Hand zu weisen, denn ich habe auch nur die Veröffentlichung des LMO Projekts. Das 2013ner Album beschäftigt sich mit einer Geschichte zur Hexenverbrennung aus dem Frankfurter Raum im 16. Jahrhundert. Im Web oder auf dem Album können Sie sich diese selbst erschließen.

* Das Zusammenspiel von Orchester und Rockband

Dieses ist Phänomenal! Trotz rauer und düster Metalstruckturen habe ich nicht den Eindruck, dass das Orchester darunter leidet. Wobei man auch aufschreiben sollte, dass neben dem ORQESTRA BARCELONA FILHARMONICA auch das INSPECTOR SYMPHONY ORCHESTRA aus Minsk seinen Teil dazu beigetragen hat, um diesem Album seinen Stempel aufdrücken zu können.

Beide Orchester können sich über das gesamte Album mit Präsenz auszeichnen. Die Gradwanderung zwischen der klassischen und der Metal Welt ist mehr als gelungen. Genau an diesem Punkt hat sich bis heute bei mir die Spreu vom Weizen getrennt! Einen solchen Weg zu wählen, ist wie ein Tanz auf einem dünnen Drahtseil über dem Grand Canyon. In diesem Fall sind alle 100 Musiker lebend an die andere Seite gelangt und können sich nun die Lorbeeren für ihren Mut bei mir abholen.

Eines wird gerade hier aber auch sehr deutlich, was vielleicht sogar ein wenig zum Erfolgsgarant zu werden scheint: Bei einem Aufeinandertreffen von zwei solchen starken Individuen sollten sich die Musiker mit dem anderen Fach auskennen, oder sich so auf die Gegenseite zu bewegen, dass ein respektvolles Miteinander beim Zuhörer zu spüren ist.

* Die Songs

Diese werden seit 2013 nun explizit für das Projekt neu geschrieben. Der Bogen zwischen harten Riffs und theatralischen Streicheleinheiten wird regelrecht zelebriert und eröffnet dem Projekt ungeahnte Möglichkeiten. Schon bei „LMO“ merkt man förmlich, dass Victor Smolski nun eine Spielwiese gefunden haben sollte, auf der er seine musikalische Kreativität und Übertreibung austoben kann. Dieses schreit schon jetzt nach mehr, auch wenn die Richtungen, in die sich die Protagonisten bewegen, vielleicht nicht immer bei mir ankommen werden. Das sollte aber für den Großteil der Lingua Mortis Freunde kein Problem darstellen. Tolleranz gegenüber dem Geschmack des Anderen wird ein zentrales Merkmal des neuen Lingua Mortis Konzepts darstellen.

Das 2013ner Album bewegt sich vom Power Metal über Hard Rock bis zu massentauglichen Balladen, die Seitens der Profis der Musikfachwelt mit musicalähnlichen Zügen umschrieben werden. Bei letzterem möchte ich mich nicht aus dem Fenster hängen, da ich dort als glorreicher Unwissender null Ahnung habe! Ich denke aber, man schreibt hier über die Ballade „Lament“, die als Duett zwischen Jeannette Marchewka und Peavy Wagner durch Pianoklänge mit Orchesteruntermahlung irgendwo auch seine Freunde finden wird. Für meine geübten Projektohren ist dieses sehr ungewohnt, wenn auch interessant! So habe ich Peavy bisher noch nicht gehört und der Soundteppich ist von der Melodie her wunderschön. Ein wenig Theatralik stört mich bestimmt nicht, trotzdem tropft mir bei der Nummer zu viel Pomade aus Peavy‘s Matte. Ähnlich gestaltet sich die Wirkung der zweiten echten Ballade „Afterglow“. Ich bin halt nicht wirklich für so eine Gefühlsduselei offen, wobei hier der Song durch die fabelhaften Gitarrenklänge aufgewertet wird.

Dafür glänzen bei mir die wirklichen Kracher auf dem Album. Mit „Cleansed By Fire“; „ Scapegoat“ und „The Devils Bridge“ hat man einen Mörderblock am Start, der mich zu Jubelstürmen hinreisen kann. Allein schon bei der 10minüigen „Cleansed By Fire“ – Nummer bekommt man unwiderruflich den neuen Weg vom Lingua Mortis Orchestra präsentiert. Dieser bündelt alte Tugenden mit neuen Smolski/Wagner Spielereien, die dem Projekt sehr gut tun. Sei es die grutalen Experimente bei „ Scapegoat“, der Einsatz von Dana Harnge (Sopranistin), der Diplom Musik Pädagogin (mit Musical Erfahrung) Jeannette Marchewka oder dem Ex – Metallium Hennig Basse. Irgendwie haben die Protagonisten bei mir so ziemlich alles richtig gemacht und meinen Geschmack überwiegend getroffen.

Selbst als das Album von seinen düsteren und zeitweise sehr metallischen Wellenbrechern der Anfangsphase sich in seichte und beschauliche Gewässer flüchtet, verliert das Album keinesfalls seine faszinierende Spannung. So bin ich von „ Witches’ Judge“ und „Eye For An Eye“ genau so schwer beeindruckt! Was ich mir persönlich gewünscht hätte, wären mehr von solchen instrumentalen Übergängen wie „Oremus“, die einem zwischen den Songs Zeit geben, sich von der einen in die andere Dimension rüber zu retten. Das ist aber eher meine geschmackliche Orientierung!

* Mein Fazit:

Das Album ist nicht an meinen hochgesteckten Erwartungen zerbrochen. Auch wenn es sich Stilvergleiche mit Nightwish und dem Trans Siberian Orchestra gefallen lassen muss, so kann es doch recht gut auf eigenen Füßen stehen. Durch die zusammenhängenden Tracks kann es als Metal – Sinfonie sogar mit einem Alleinstellungsmerkmal aufwarten. Das Loslösen von der Rage Band bringt für mich Vorteile, die bei diesem Album schon spürbar umgesetzt worden sind. So konnten sich Victor Smolski und Peavy Wagner freier entfalten und musikalisch verwirklichen, was für folgende Alben hilfreich sein dürfte. Es ist zu hoffen, dass dieses Projekt nun nicht zur Massenproduktion getrieben wird.

Zumindest sind wir mit dem Lingua Mortis Projekt und dem Avantasia Projekt in der Welt sehr gut aufgestellt und sollten dieses mit breiter Brust und erhobenen Haupt so darstellen. Auch unser Mutterschiff Old Germany hat musikalisch etwas zu bieten, worum uns sicherlich einige Musikfachleute aus anderen Ländern ein wenig beneiden…